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Rainer Kohlmayer: Literaturübersetzen: Ästhetik und Praxis (Publikationen des FTSK, Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim, 72). Bern: Peter Lang, 2019. Pp. 213.

Schon lange gilt es als selbstverständlich, das Übersetzen von literarischen Texten als kreativen und nicht bloß nachahmenden, unschöpferischen Akt aufzufassen. Die Romantiker gingen am Ende des 18. Jahrhunderts sogar so weit, die „poetische“ Übersetzung als Steigerung des zu übersetzenden Werkes anzusehen – und damit als Ergebnis eines Romantisierungsprozesses, mit dem, so Novalis in den Logologischen Fragmenten (Nr. 105), immer eine „qualit[ative] Potenzirung“ einhergehe. Das bedeutet, dass für die Romantiker die Übersetzung gegenüber dem Original als Aufwertung und gerade nicht als nachrangige Ableitung zu verstehen ist. Literarische Übersetzungen sind für sie Verwirklichungen der „progressiven Universalpoesie“ (Friedrich Schlegel, 116. Athenaeumsfragment), da sich ein Werk erst in seiner fortlaufenden Progression und Potenzierung – welche unter anderem durch die poetische Übersetzung herbeigeführt werden können – als schöpferisches Gebilde, als lebendig und aktuell zu erkennen gibt. Das gilt auch für seine Universalität, da sich diese erst in jenem Prozess entfalten kann. Dass eine solche Charakterisierung der Übersetzung für die Romantiker nicht bloß abstrakte Theorie war, sondern die Praxis einschloss, belegt unter anderem August Wilhelm Schlegels Shakespeare-Übersetzung, über die Novalis sagte, dass „der deutsche Shakespeare jezt besser, als der Englische ist“ (an August Wilhelm Schlegel, 30.11.1797).

DOI: https://doi.org/10.37307/j.1866-5381.2022.01.18
Lizenz: ESV-Lizenz
ISSN: 1866-5381
Ausgabe / Jahr: 1 / 2022
Veröffentlicht: 2022-05-24
Dokument Rainer Kohlmayer: Literaturübersetzen: Ästhetik und Praxis (Publikationen des FTSK, Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim, 72). Bern: Peter Lang, 2019. Pp. 213.