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Inhalt der aktuellen Ausgabe 02/2023

Inhalt

Inhaltsverzeichnis/Impressum

Aufsätze

Early Victorian Thoughts on the Land of Poets and Thinkers Notes on British-German Intellectualism at the beginning of the Long Century

This article explores the meaning of ‘intellectualism’ in the first phase of Victorianism, with particular reference to its perception of tendencies in German thought of the time. To a certain extent this phase in our common, and yet distinctly different, histories of thought stands at the beginning of the ‘modern’ formation of ‘isms’.

Magie – Macht – Manipulation. Zum ambivalenten Status magischen Handelns in mittelhochdeutscher und skandinavischer Heldendichtung

Der Beitrag untersucht die manipulative Wirkung von Zauber und Magie in narrativen und literarischen Texten der mhd. und skandinavischen Heldendichtung. Während in Nibelungenlied und Vǫlsungasaga Magie nur selten und dann oft nur über magische Objekte in Stellung gebracht wird, ist sie in der Bósa saga durchaus handlungsbestimmend und im mhd. Malagis sogar wesentliches Merkmal des Protagonisten. Stets jedoch wird magisches Handeln als Manipulation der übrigen Aktanten inszeniert, was jedoch ganz unterschiedliche Bewertungen nach sich zieht: In den Varianten des Nibelungenstoffes wird Magie nur selten und teils indirekt eingesetzt, hat dann aber stets negative Folgen. In den Texten, in denen die Anwendung von Magie ausführlich beschrieben und umstandslos eingesetzt wird, kommt magische Manipulation dagegen durchaus den Protagonisten zugute. Der Beitrag beleuchtet die spezifischen narrativen Problematisierungen insbesondere vor dem Hintergrund eines schriftliterarischen Verständnisses von Magie.

Flaschengeister. Narrative (heils-)geschichtlicher Verschränkung in der Geschichte von der Messingstadt (Tausendundeine Nacht) und im Reinfrit von Braunschweig

Der Beitrag untersucht vergleichend Darstellung und Funktionalisierung des Flaschengeist-Motivs in der Magnetberg-Episode des ‚Reinfrit von Braunschweig‘ und der arabischen ‚Geschichte von der Messingstadt‘ in der Fassung von ‚Tausendundeine Nacht‘. Beide Erzähltexte nutzen die im Motiv implizierte Möglichkeit der Verschränkung verschiedener historischer Zeiten in ihren je spezifischen kulturellen Kontexten und arbeiten dabei mit einer Wissenspoetik des Wunderbaren, die hier darauf zielt, heilgeschichtliche Vergangenheiten zu vergegenwärtigen. Die Flaschengeister werden als autoreflexive Figurationen der Praxis des Erzählens gedeutet, das strukturell ebenfalls differente Zeiten (‚Erzählzeit‘ und ‚erzählte Zeit‘) miteinander verschränkt.

Festivals in Middle English Literature and Culture

This essay discusses a number of representative texts from the literature and culture of the Middle Ages in which feasts and celebrations play an important part, for example, texts written by the Gawain Poet, Geoffrey Chaucer, William Langland, Robert Henryson, and others.

Gleichgeschaltete Philologie: Anglistische Romantikforschung im nationalsozialistischen Deutschland

The impact of the National Socialists’ rise to power was felt in practically all areas of German public life, not least in the higher education sector. The university system was transformed through a series of restrictions on who could teach and what could be taught. If such regulations were mainly imposed from above, there was at the same time an individual tendency among those who remained unaffected by – or who actively benefitted from – these changes to bring their respective fields of research into line with party ideology.

Sprechen – Schweigen – Zeigen in der Delie von Maurice Scève

Delie. Object de plus haulte vertu von Maurice Scève ist von einer Spannung zwischen Sprechen und Schweigen durchzogen: einerseits der Drang zur Beschreibung der Auswirkungen der Liebe auf das Ich, andererseits die Konfrontation mit den Schwierigkeiten, die die Artikulation ebendieser inneren Vorgänge mit sich bringt. Die bei Scève beinahe topische Dunkelheit der Texte, beruhend v.a. auf Verfahren der Reduktion und der Kondensation, ist Symptom dieser Schwierigkeiten, zugleich jedoch gibt es eine deutliche Kommunikationsabsicht. Der Beitrag untersucht verschiedene Strategien, die Scève verwendet, um auszudrücken, was er nicht direkt formulieren will oder kann, wobei die Artikulationsschwierigkeiten jeweils mittransportiert werden.

Essstörung, Geschlechterkampf und triebhafte Einverleibung in Almudena Grandes’ Malena, una vida hervida (1996)

Der Beitrag setzt sich mit der bislang kaum erforschten Essstörung in der Kurzgeschichte Malena, una vida hervida aus Almudena Grandes’ (1960–1921) Modelos de mujer (1996) auseinander. Dabei wird deutlich, dass die Figuren über ihr Ess- und Sexualverhalten einen Geschlechterkampf austragen, der im Sinne von Bachtins karnevalesker Logik der Umkehrung etablierte Hierarchien unterminiert und ihnen eine transgressive Ausnahmeordnung entgegensetzt. Die Entstehung von Malenas Essstörung wird zunächst durch die Internalisierung der etablierten patriarchalen Ordnung begünstigt, welche Fleischverzehr als männliches Privileg mit Macht assoziiert und die Frau als vom männlichen Raubtier verfolgtes essbares Tier stigmatisiert. Eine Reihe libidinöser Kompensationsmechanismen ermöglichen Malena im Laufe der Erzählung, ihren Hunger durch progressive Verschiebung auf andere Sinne zu stillen, sich zunehmend von der sexualisierten Metapher der essbaren Frau zu emanzipieren und vom passiven Objekt des männlichen Blicks zum aktiv handelnden und machtausübenden Subjekt zu werden, wodurch sie die etablierte Ordnung zunehmend in Frage stellt. Die Bachtin’sche Komik der Umkehrung macht die Kurzgeschichte als Inszenierung einer Gegenweltlichkeit lesbar, die die Grausamkeit patriarchaler Strukturen vorführt und der Lächerlichkeit preisgibt.

Transcultural solidarity as key to a meaningful life in Lioret’s Welcome

Although Lioret’s Welcome enjoys substantial popularity for its outline and dissemination of meaningful lives and alternative societies, there is no convincing intervention paper that combines insights from transcultural studies and media psychology to explore the transcultural society portrayed in the film. This study aims to reduce that gap in knowledge. The main research questions is: How exactly does Welcome promote transcultural solidarity for a more meaningful life and an alternative culture, and suggests therefore an intrinsic motivation for transcultural intervention, which film scholars have so far marginalised? The study shows that the film promotes such solidarity through the humanization of migration by individualisation and, in particular, through the growing relationship between the filmic protagonists Simon and Bilal. It demonstrates Simon’s transformation from an egocentric character to a curious, open-minded, brave and persistent protagonist, who is able to show kindness, social intelligence and social responsibility. It explains that this relationship is shaped by affects and transcultural memory constructs that culminate in transcultural solidarity.

Kleinere Beiträge

Fa tutto, ein Don Juan im Dienst der Inquisition

Voltaires Interesse für China ist wohlbekannt. Es ist das Land, in dem die Weisheit zuhause ist und über das die jesuitischen Missionare so schön ausführlich berichten, dass man schon deswegen mit einem gewissen Interesse im gebildeten Publikum rechnen kann. Weniger bekannt ist Voltaires Interesse für Indien. Aber auch dieses Land ist von Paris oder Genf weit genug entfernt, um als Gegenbild der europäischen Zivilisation gelten zu können. Schon der Ausgangspunkt des Romans, den wir uns hier anschauen müssen, weil darin eine der originellsten Figuren Voltaires vorkommt, der Inquisitor Fa Tutto, ist ungewohnt: zwei Brahmanen, also Mitglieder der obersten Klasse der Hindus, Amabed und Adaté, gehen auf Hochzeitsreise.

Gaston Leroux, Léo Lespès und Alexandre Dumas père: zwei mögliche Intertexte zu Le Fantôme de l’Opéra

«Schreiben Sie doch einmal die Tragödie des häßlichen Mannes!», schlug Alexander Zemlinsky seinem Komponisten-Kollegen Franz Schreker vor, der zugesagt hatte, ein Opernbuch für ihn zu verfassen. Schreker schrieb daraufhin Die Gezeichneten; als das Libretto vollendet war, wollte er es jedoch unbedingt selbst vertonen, Zemlinsky verzichtete. Häßlichkeit (zumal eines Mannes) als Hindernis für ein erfülltes Leben und Glück in der Liebe wird in narrativer und dramatischer Literatur nicht allzu häufig thematisiert.

Besprechungen / Allgemeines

Einladende Buch-Anfänge: Titelbilder des Wissens in der frühen Neuzeit. Ed. Stefan Laube (Herzog August Bibliothek: Wolfenbütteler Forschungen, 170). Memmingen: Harrassowitz, 2022.

Die Gattung des illustrierten Titelblattes erfreut sich einer besonderen Wertschätzung innerhalb der geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Dies ist kein Zufall, diente ein Titelblatt doch spätestens seit der Erfindung des Buchdrucks als das Aushängeschild eines Buches. Als repräsentatives Entrée lädt es den Käufer und Leser zur Lektüre ein, indem es ihm den Gehalt eines Werkes auf einen Blick vor Augen stellt. Entsprechende Sorgfalt wandte man bei seiner typographischen und bildlichen Ausstattung auf.

Libraries in Literature. Ed. by Alice Crawford and Robert Crawford. Oxford: Oxford University Press, 2022

„Between life and death, there is a library, and within that library, the shelves go on for ever“, schreibt Matt Haig in seinem 2020 erschienenen Buch The Midnight Library, das auch in der vorliegenden Sammlung von fünfzehn Beiträgen über Bibliotheken in der Literatur thematisiert wird. Sie wurden im Jahr 2022 im Verlag Oxford University Press publiziert. Die Herausgeber des mit 304 Seiten recht umfangreichen Buchs, Alice und Robert Crawford, sind durch ihre jeweiligen akademischen Karrieren – sie als Digital Humanities Research Librarian und er als Emeritus Wardlaw Professor of Poetry an der University of St. Andrews, Schottland – auf das engste verbunden mit Bibliotheken, fiktionaler Literatur und Lyrik.

Besprechungen / Germanisch und Deutsch

Wolfgang Haubrichs , Stephan Müller: Der Admonter Abrogans. Edition und Untersuchungen des Glossarfragments der Stiftsbibliothek Admont (Fragm. D1). Mit Beiträgen von Brigitte Bulitta, Martin Haltrich, Sarah Hutterer, Edith Kapeller, Daniela Mairhofer, Karin Schamberger. Berlin/Boston: de Gruyter 2021

Eine „Sensation aus der Mappe“ nannte ‚Der Spiegel‘ im Mai 2017 die Entdeckung eines Fragments der frühmittelalterlichen ‚Abrogans‘-Handschrift, auf das Martin Haltrich bei Digitalisierungsarbeiten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Jahr 2012 im Benediktinerstift Admont (Österreich) gestoßen ist. Dieses wird in der vorliegenden Studie ediert und hinsichtlich unterschiedlicher Gesichtspunkte beleuchtet. Neufunde althochdeutscher Quellen sind stets beachtlich und sehr erfreulich, sind diese über tausend Jahre alten Wort- und Textzeugnisse doch die frühesten Belege des Deutschen, deren Überlieferungsmenge überschaubar ist. Im Vergleich zu den in den letzten Jahren zu tausenden zutage geförderten althochdeutschen Griffelglossen – mit einem spitzen Gegenstand eingeprägte oder eingeritzte und oft kaum sichtbare Annotationen – handelt es sich bei dem nur zwei Seiten umfassenden ‚Abrogans‘-Fragment (Sigle: Ad) um eine, rein quantitativ betrachtet, weniger umfangreiche Erweiterung der Überlieferung um 79 Glossen.

Raffaela Kessel: Die Motive der galloromanischen Pastourellentradition in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters. Berlin/Boston: de Gruyter 2021. (Deutsche Literatur. Studien und Quellen 38).

Dass der Minnesang nicht ohne romanische Einflüsse denkbar ist, kann als Konsens der Forschung gelten. Genauso klar ist aber auch, dass sich diese nur schwer greifen und in ihrem Umfang und in ihrer Bedeutung bestimmen lassen. Noch unübersichtlicher wird das Terrain, wenn man sich von der Gattung der Liebeslyrik insgesamt löst und sich auf die Ebene einzelner Genres begibt; wie unübersichtlich, lässt sich etwa an der Pastourelle veranschaulichen. Denn während ein Teil der Forschung rundweg abstreitet, dass es eine deutschsprachige Pastourelle überhaupt gibt, spricht ein anderer bestimmte Lieder wie selbstverständlich als Pastourellen an.

Fridjof Bigalke: Literarische Herrschersakralität – Erzählen von Karl dem Großen. Berlin/Boston: de Gruyter 2022. (Literatur – Theorie – Geschichte 26).

Die mittelalterliche deutsche Karlsepik ist das Thema der 2022 erschienenen Dissertationsschrift von Fridjof Bigalke. Sie nimmt drei Texte in den Blick: Das um 1170 entstandene ‚Rolandslied des Pfaffen Konrad‘ ist einer der ältesten Erzähltexte in mittelhochdeutscher Sprache und berichtet von der erfolglosen Schlacht von Roncevalles und dem Tod Rolands. Der ‚Karl‘ des Strickers entstand etwa 50 Jahre nach dem ‚Rolandslied‘. Er behält dessen Handlung im Wesentlichen bei, doch hat der Stricker den Text nach den Prinzipien der höfischen Literatur überarbeitet und eine Jugendgeschichte Karls hinzugefügt.

Dennis Pulina: Kaiser Maximilian I. als Held im lateinischen Epos. Ein Beitrag zur Methodik epischer Heroisierungen und zur Aktualisierung antiker Heldennarrative. Berlin/Boston: de Gruyter 2022. (Frühe Neuzeit 244).

Die lateinischen Epen von Cimbriaco, Nagonio, Bartolini und Sbruglio bilden im gattungstheoretischen Sinn keine literarische ‚Reihe‘. Eine ‚Reihe‘ würde eher die ‚Austrias‘ mit der ‚Borsias‘, ‚Sfortias‘, ‚Hesperis‘, ‚Volaterrais‘, ‚Raetaeis‘ usw. zusammen rücken. Die zuerst für Friedrich III. bestimmten, dann auf Maximilian umgeschriebenen ‚Encomiastica‘ des Cimbriacus, Nagonios parteiliche Prognostik zur politischen Krise 1493/94, Bartolinus‘ Epos über den Landshuter Erbfolgekrieg und Sbrulius‘ Bearbeitung des volkssprachigen Ritterromans ‚Theuerdank‘ werden allein dadurch zusammengehalten, dass im Zentrum als Held Kaiser Maximilian I. steht.

Frédérique Renno: Die deutschsprachige weltliche Liedkultur um 1600. Berlin/Boston: de Gruyter 2022. (Frühe Neuzeit 243).

Die deutschsprachige weltliche Lieddichtung des 15. und 16. Jahrhunderts gehört nicht zu den beliebtesten Gegenständen der Literaturwissenschaft. Auch wenn man es für gewöhnlich nicht (mehr) explizit so sagt: Ihre Entwicklung nach dem Tod des ‚letzten Minnesängers‘ Oswald von Wolkenstein wird gemeinhin als Niedergang wahrgenommen. Sie fällt in die Zeit, in der der Minnesang endgültig verschwindet und in zumeist namenlosen, inhaltlich wie formal anspruchslosen Liedern nach- und aushallt. Wie sehr das, was man jetzt singt, – zumindest aus Sicht der Germanistik – im Zeichen des ‚Nicht-mehr‘ und ‚Noch-nicht‘ steht, kommt in Gert Hübners Bezeichnung des ‚mittleren Systems‘ prägnant zum Ausdruck.

Liliana Sikorska: Nineteenth- and Twentieth-Century Readings of the Medieval Orient. Other Encounters. Berlin/Boston: de Gruyter 2021. (Research in Medieval and Early Modern Culture 32).

Mit den Anschlägen vom 11. September 2001 und dem darauf folgenden ‚War on Terror‘ entstand ein Feindbild, das mit seinen ausschließlich religiösen Zuschreibungen eine neue Dichotomie zwischen globalem Norden und Süden aufleben ließ, fußend auf den alten Stereotypen von ‚rational und irrational’, ‚zivilisiert und unzivilisiert’ und kulminierend in der simplen, medienwirksamen Form von ‚gut und böse’. So wurden alte Machtstrukturen aufgegriffen, die Edward Said schon 1978 in seinem bahnbrechenden Buch ‚Orientalism‘ anprangerte.

Besprechungen / Englisch und Amerikanisch

David Hopkins and Tom Mason: Chaucer in the Eighteenth Century: The Father of English Poetry. Oxford: Oxford University Press, 2022.

Chaucer in the Eighteenth Century is, as the subtitle suggests, a narrative of fathers and sons. It is a hugely important and magisterial new work which resituates Chaucer at the centre of eighteenth-century literature. As Hopkins and Mason note in their introductory chapter, the importance and popularity of Chaucer during the period has long been overlooked or underestimated, save for the pioneering work of Betsy Bowden.

Encountering “The Book of Margery Kempe.” Ed. Laura Kalas and Laura Varnam (Manchester Medieval Literature and Culture). Manchester: Manchester University Press, 2021.

Since its discovery, when it leapt out of a country house cupboard in the 1930s to meet a group of young people playing Ping-Pong, The Book of Margery Kempe has sought encounters. Defying genre, the Book chronicles the travels, trials, and boisterous devotion of visionary, mystic, pilgrim, and devotional influencer Margery Kempe (1373–after 1439), a laywoman from the urban mercantile milieu of Lynn, Norfolk. Critical interest in the Book has burgeoned in the past three decades, with the Book being canonized in anthologies and on reading lists.

Alison Knight: The Dark Bible: Cultures of Interpretation in Early Modern England. Oxford: Oxford University Press, 2022.

Alison Knight’s monograph joins a number of recent studies on the practices of biblical interpretation in England in the sixteenth and seventeenth centuries by scholars such as Kevin Killeen, Naomi Tadmor and Victoria Brownlee, among many others. But while Knight argues that previous studies have “tended to create a picture of the Bible as a universal treasury, a straightforward source for doctrine”, The Dark Bible intervenes by focusing on interpretive practices and discourses relating to obscure and contradictory biblical passages, anachronic biblical narratives, translation challenges, and problems of figurative language.

Kristine Johanson: Shakespeare’s Golden Ages. (Edinburgh Critical Studies in Renaissance Culture). Edinburgh: Edinburgh University Press, 2022.

Shakespeare’s Golden Ages advertises itself as an “intervention [that] resists trends in twentieth- and twenty-first-century nostalgia studies […] which tend to associate the nostalgic exclusively with a past-oriented political conservatism”. Kristine Johanson hopes to challenge this assumption by proposing to examine “Shakespeare’s use of nostalgia as a political rhetoric that is contingent not strictly on a desire for the past, but on a longing for the future”. However, the book is neither a systematic exploration of early modern nostalgia per se, nor is it a study of nostalgia across Shakespeare’s works.

Paul J. Hecht: What Rosalind Likes: Pastoral, Gender and the Founding of Verse. Oxford: Oxford University Press, 2022.

Paul Hecht’s monograph presents the reader with a “double biography” tracing the development of the character ‘Rosalind’ and the development of poetical form through three works from the late sixteenth century, namely Edmund Spenser’s The Shepheardes Calender (1579), Thomas Lodge’s Rosalynde: Eupheus Golden Legacie (1590), and William Shakespeare’s As You Like It (first performed 1598–1600). The book connects the two by advancing the claim that “because Elizabethans conflated sex and aesthetics, their writing projects could simultaneously address both”.

R. K. Aanstad: A Midsummer Night’s Dream: Illustrated Handbook & Encyclopedia (Shakespeare’s World and Words or There Will Be Bawdy Publications). Independently published, 2021.

R. K. Aanstad’s independently published A Midsummer Night’s Dream: Illustrated Handbook and Encyclopedia aims to cater to both theatre practitioners and students of the play, as the author, herself a director and set designer, claims in the introduction: “I have written the book that I wanted to have when I was studying and directing A Midsummer Night’s Dream”. The book consists of two main parts: a practical section for directors who wish to stage the play and a section for students, providing information on some of the most important aspects and contexts of the play and early modern England.

Mathias Mayer: King Lear – Die Tragödie des Zuschauers: Ästhetik und Ethik der Empathie. Göttingen: Wallstein, 2022.

Im Rahmen des an den Universitäten Augsburg und Erlangen-Nürnberg eingerichteten Elite-Masterstudiengangs „Ethik der Textkulturen“ hat der Germanist Mathias Mayer eine kleine Monographie zu William Shakespeares King Lear vorgelegt, welche zum einen das Stück als paradigmatischen Text für den in jüngerer Zeit intensiv diskutierten affektiven Zusammenhang von Literatur und Empathie ausstellt und zum anderen durch ihren durchgehenden produktiven Bezug auf Werner Brönnimanns monumentale zweisprachige King Lear-Ausgabe aus dem Jahr 2020 en passant auch insgeheim als späte Rechtfertigung für die Existenz der 1976 unter dem Patronat der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft in Angriff genommenen Englisch-deutschen Studienausgabe von Shakespeares Werken verstanden werden kann.

Hamlet Translations: Prisms of Cultural Encounters across the Globe. Ed. Márta Minier and Lily Kahn (Transcript, 16). Cambridge: Legenda, 2021.

Diese Anzeige soll mit einem Gedankenexperiment beginnen. Man stelle sich vor, dass alle Leser und Leserinnen die Werke Shakespeares und alle Zuschauer und Zuschauerinnen seine Dramen weltweit in englischer Sprache rezipieren könnten, und dass somit die Notwendigkeit von Übersetzungen entfallen würde. Ein solcher, hier nur spekulativ angenommener direkter Zugang aller zu Shakespeares Text wäre aber kein Segen für die Menschheit, sondern ganz im Gegenteil würde es sich dabei um eine totalisierende Vereinheitlichung handeln, denn gerade im Übersetzen manifestiert sich ein fortwährendes Bemühen um Verständnis, Aneignung, Anverwandlung und eine vielfältige, die Kulturen und Einzelsprachen übergreifende Dispersion und Amalgamierung von Shakespeares Werk.

Domenico Lovascio: John Fletcher’s Rome: Questioning the Classics. Manchester: Manchester University Press, 2022.

John Fletcher is one of the most important figures in the study of English Renaissance drama. Author or co-author of over fifty surviving plays, Fletcher was one half of the Beaumont and Fletcher writing partnership, was Shakespeare’s final regular collaborator, and succeeded Shakespeare as principal dramatist of the King’s Men after the older playwright’s death in 1616. Quite unlike Shakespeare’s in 2016, however, the quatercentenary of Fletcher’s death in 2025 is unlikely to bring with it a major celebration of Fletcher’s dramatic artistry.

Amazons, Savages, and Machiavels. Travel and Colonial Writing in English, 1550–1630: An Anthology. Ed. Matthew Dimmock and Andrew Hadfield. 2 nd edition. Oxford: Oxford University Press, 2022.

The years 1550 to 1630 were formative for the development of travel writing in English, just as they were formative for the foundation of the British Empire. Under Elizabeth I, Walter Raleigh led his famous expeditions to Roanoke and Guiana and in 1600, the first charter for the East India Company was issued. Under James VI and I, the Virginia and the Plymouth Company were founded and the plantations of Ulster and Munster, which had begun in the 16th century, continued to propagate the settlement of English-speaking Protestants from England and, following the Stuart reign, from Scotland in Ireland.

Indranil Acharya and Ujjwal Kumar Panda: Geographical Imaginations: Literature and the ‘Spatial Turn’. Oxford: Oxford University Press, 2022.

This slender volume purports to be an introduction to the Spatial Turn in the humanities, its targeted audience Indian students who, in what authors Acharya and Panda deplore as the “nascent” state of spatial humanities in India, are to be made acquainted both with spatial theory and its application to literary texts, mainly from the British and American literary canons, but also from Indian literature in English or in English translation. Given the very limited number of pages at the authors’ disposal (about a quarter of which is taken up by a lengthy preface and a bibliography) this is an ambitious goal which, unfortunately, they fail to achieve.

Seamus O’Malley: Irish Culture and The People: Populism and its Discontents. Oxford: Oxford University Press, 2022.

The nation and nationalism are often central in analyses of modern Irish culture. O’Malley’s timely and innovative study challenges that dominance by highlighting the uses of the related, but distinct concept of the ‘Irish People’ in the discourse of key literary and political figures. Populism remains less theorized than nationalism, and discussions of the phenomenon are often dismissive of their subject. O’Malley, however, takes populism seriously and opens his monograph with a useful synthesis of relevant scholarship. Instead of trying to pin down an elusive ideology that would unite left- and right-wing varieties of populism, he follows Kazin and Laclau, who define populism as a language or a “mode of address rather than a set of principles”.

Silvia Mergenthal: A Man Could Stand Up: Masculinities in British and Australian Literature of the Great War (Anglistische Forschungen, 472). Heidelberg: Universitätsverlag Winter, 2022.

A Man Could Stand Up sets out to offer a re-reading of British and Australian literature of World War I (WWI), exploring whether the texts under analysis “offer variations on, or alternatives to [the soldier tale’s] narratives of disillusionment and retrenchment”. With 226 pages divided into twelve chapters and a bibliography – an index is missing – it is a rather compact book, given that it covers an admirably wide span of texts and time by offering analyses of twenty novels (seventeen British, three Australian), two dramas (one British, one Australian), and four non-fiction works of scholarship (three British, one Australian) spread across the periods 1915–32 and 1960–2007.

Cultures of Lecturing in the Long Nineteenth Century / Volume 1: Practices of Oral Performance in Manuals of Rhetoric, Journalism and Autobiography. Ed. Anne-Julia Zwierlein, Heidi Weigand Sebastian Graef (Regensburg Studies in Gender and Culture, 10). Heidelberg: Winter, 2022.
Cultures of Lecturing in the Long Nineteenth Century / Volume 2: Women and Public Speech in Manuals of Rhetoric, Journalism, Autobiography and Fiction. Ed. Anne-Julia Zwierlein, Sebastian Graef and Heidi Weig (Regensburg Studies in Gender and Culture, 11). Heidelberg: Winter, 2022.

This two-volume anthology brings together over 150 texts about practices of lecturing, recitations and other forms of public speaking during the Victorian and Edwardian periods. The extracts reveal both the importance and omnipresence of oration across numerous spheres of nineteenth-century life – education, politics, religion, entertainment – and across a broad social spectrum, including (grammar) school and university students, the professional middle class but also, increasingly, the working class and women.

Alistair Rolls: Agatha Christie and New Directions in Reading Detective Fiction: Narratology and Detective Criticism. (Routledge Studies in Twentieth-Century Literature). London and New York: Routledge, 2022.

This book offers a re-reading and alternative solutions to a number of Agatha Christie’s most popular detective novels and short stories. The book takes as its methodological starting point French critic Pierre Bayard’s detective criticism, which exposes flaws in the detective character’s solution to their case. By debunking the commonly accepted official solutions to well-known detective fiction stories, detective criticism aims to challenge scholarly opinions that treat the genre as formulaic and repetitive. Agatha Christie and New Directions in Reading Detective Fiction follows Bayard’s lead and “systematically seeks to read against the grain of the solution” proposed by the detective character at the end of a story.

Leonhard Krombach: Schriftliche Sprachmittlung im Englischunterricht der gymnasialen Oberstufe: Eine qualitativ-empirische Studie (Giessener Beiträge zur Fremdsprachendidaktik). Tübingen: Narr Francke Attempto, 2022.

Nicht zuletzt durch das europäische Ideal des mehrsprachigen, über kulturelle Grenzen hinweg kommunizierenden Bürgers hat die „Sprachmittlung“ (mediation) in den letzten Jahrzehnten auch im deutschen Englischunterricht Fuß gefasst. Der Gemeinsame Europäische Referenzrahmen für Sprachen (2001) verankert sie als „verbindlicher Kompetenzstandard des Fremdsprachenunterrichts in deutschen Schulen“ und seit 2017 ist Sprachmittlung „obligatorischer Teil der zentralen Abiturprüfung in den modernen Fremdsprachen“. Demgegenüber stehen nach Krombach jedoch „fehlende empirische Kenntnisse über den tatsächlichen Umfang von und Umgang mit Sprachmittlungsaufgaben im Englischunterricht der gymnasialen Oberstufe“.

Michael Meyer, Laurenz Volkmann, Nancy Grimm: Teaching English. Second, updated and completely revised edition (Narr bachelor-wissen). Tübingen: Narr Francke Attempto, 2022.

Nur sieben Jahre nach der Erstauflage erfuhr im Jahr 2022 eine der wenigen dem deutschen Kulturraum entstammenden englischsprachigen Einführungen in die Englischdidaktik eine zweite Auflage. Der mit der Erstauflage identische Erscheinungsort – die Reihe „Narr bachelor-wissen“ – mag dabei zunächst erstaunen, ist jedoch gerechtfertigt, wenn man bedenkt, dass mittlerweile in allen deutschen Bundesländern die Lehramtsstudiengänge modularisiert sind und elf der sechzehn Bundesländer die Ausbildung ihrer Lehrenden ganz oder teilweise auf Bachelor und Master umgestellt haben (auch wenn dennoch in vielen Fällen am Staatsexamen festgehalten wird).

Besprechungen / Romanisch

Gerd Busse: Typisch belgisch. Belgien von A bis Z. Eupen: Grenz-Echo Verlag 2022.

An fundierten deutschsprachigen Studien oder ausführlichen Kunst- und Kulturführern über Belgien mangelt es. Dieser Umstand ist aber nicht, wie Gerd Busse in der Einführung zu seiner Monographie Typisch belgisch anführt, dem «Imageproblem» des Landes geschuldet. Vielmehr herrscht bei einer großen Mehrheit der Deutschen bis heute eine weitgehende Unwissenheit über Belgien vor. In der Folge ist das Nachbarland in vielerlei Hinsicht für sie ein blinder Fleck. Vor diesem Hintergrund ist es prinzipiell zu begrüßen, dass Busses Buch das Wissen über Belgien um einige Fakten und Anekdoten bereichert und die Aufmerksamkeit auf das Land lenkt.

Matei Chihaia (ed.): La violencia como marco interpretativo de la investigación literaria. Una mirada pluridisciplinar a la narrativa hispanoamericana. Tübingen: Narr Francke Attempto 2019.

La primera dificultad que plantea este libro colectivo, coordinado por Matei Chihaia (un profesor de origen rumano y francés, formado en la hispanística alemana con un evidente énfasis en la literatura hispanoamericana), es si de veras los actuales estudios literarios latinoamericanos están en condiciones para interpretar una problemática tan compleja como la violencia. Para empezar, en Latinoamérica no se ha formulado académicamente una distribución bien resuelta y acabada de la investigación literaria, capaz de discernir entre la teoría y sus aplicaciones críticas de carácter histórico o sociológico.

Yves Clavaron / Odile Gannier (Hg.): Lieux de mémoire et océan. Géographie littéraire de la mémoire transatlantique aux XX e et XXI e siècles. Paris: Honoré Champion 2022

Der vorliegende Band ist Erinnerungsorten des atlantischen Sklavenhandels und deren literarischer Darstellung in den englisch-, französisch-, spanisch-, portugiesisch- und niederländischsprachigen Literaturen des 20. und 21. Jahrhunderts gewidmet. Dass die Herausgeberin und der Herausgeber das von Pierre Nora geprägte Konzept des lieu de mémoire als Ansatz wählen, ist aus mehrerlei Sicht bedeutsam.

Federico Fornoni: L’opera a luci rosse. Seduzione e sessualità nel melodramma del secondo Ottocento (Premio Rotary Giacomo Puccini Ricerca / Centro studi Giacomo Puccini, 3). Firenze: Olschki 2022

Das Forschungsprojekt von Federico Fornoni wurde 2014 mit dem Puccini-Forschungspreis des Rotary Club ausgezeichnet. In der Einleitung und im ersten Kapitel arbeitet der Autor zunächst die Unterschiede zwischen der Opera seria der ersten und jener der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hinsichtlich der Darstellung von Liebe, Lust und Sexualität heraus: In der ersten Jahrhunderthälfte dominiere ein «amore nobile e nobilitante», später (z. B. in La Traviata) werde «l’amore […] voluttuoso, sensuale» zum Thema, Sexualität wird (oft in ehebrecherischen Beziehungen) hemmungslos ausgelebt.

Sophie Lefay (Hg.): Se promener au XVIII e siècle. Rituels et sociabilités. Paris: Classiques Garnier 2019 (Rencontres, 426)

Der Spaziergang, sei er als sprachlich verhandeltes Thema oder als kulturelles Dispositiv gefasst, hat seit einigen Jahren Eingang in die Forschung gefunden. Das 18. Jahrhundert, in dem sich feudale Sitten der geselligen Unterhaltung in bürgerliche Praktiken der Natursuche und der Bildung von Öffentlichkeit verwandeln und beide sozialen Formen des spielerischen Weltgenusses vielfache Hybridisierung hervorbringen, ist besonders reich an diesbezüglichen Gestaltungen der ambulatorischen Entspannung. Nationalkulturelle Eigenheiten differenzieren diese Welle öffentlicher und privater Begeisterung für die zerstreuende Ortsveränderung noch zusätzlich aus.

Benjamin Loy: Roberto Bolaños Wilde Bibliothek. Eine Ästhetik und Politik der Lektüre. Berlin / Boston: de Gruyter 2019 (Mimesis, 78)

Producto de una tesis doctoral summa cum laude en la Universidad de Potsdam, Roberto Bolaños Wilde Bibliothek. Eine Ästhetik und Politik der Lektüre podría traducirse literalmente como La biblioteca salvaje de Roberto Bolaño. Una estética y política de la lectura. El principal interés de Benjamin Loy, actualmente adscrito al programa posdoctoral de la Universidad de Viena, es resolver el acertijo de la intertextualidad en la obra de Bolaño, así como tratar de inscribir tal obra en la llamada Weltliteratur. Dado que las novelas de Bolaño están llenas de referencias literarias y filosóficas y a menudo son roman à clef, la intertextualidad se vuelve mucho más compleja.

Roxane Martin: Une soirée sur le boulevard du crime. Le mélo à la loupe. Paris: Classiques Garnier 2023 (Études sur le théâtre et les arts de la scène, 30)

1823 wurde das mélodrame L’Auberge des Adrets (Robert Macaire) von Benjamin Antier, Saint-Amant und Polyanthe uraufgeführt. Angesichts seiner bescheidenen literarischen Qualität entschloß sich der Hauptdarsteller Frédérick Lemaître, seine Rolle komisch aufzufassen: Robert Macaire und sein Freund Bertrand (gespielt von Firmin) machen sich über alles lustig, ironisieren durch ihr Spiel Sätze zum Preis der Tugend und die Verurteilung des Lasters, die die Autoren ganz ernst gemeint hatten. Mit Robert Macaire, so die herrschende Meinung, endet die Epoche des ‹klassischen›, und es beginnt die des ‹romantischen› Melodrams; die Autorin zieht die Bezeichnungen «ancien genre» und «mélodrame renouvelé» vor.
Lizenz: ESV-Lizenz
ISSN: 1866-5381
Ausgabe / Jahr: 2 / 2023
Veröffentlicht: 2023-11-23
 

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